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INHALT

Fast jeder Coach und Athlet kennt es und es warten eine Menge Infos auf euch, also lasst uns die Einleitung kurz halten und direkt loslegen.

“Let’s dive into it”.

Thematik: Schmerzbekämpfung und persönliche Ansichten über die Suche nach Ursache, Dysfunktionen des Bewegungsapparates und Verletzungsprävention.

Hauptthesen: Fast 100% aller Schmerzempfinden am Bewegungsapparat sind auf “Dysfunktionen” im Bewegungsapparat zurückzuführen. Dies kann laut Starrett in Form von nicht optimaler Haltung, Training in dieser oder fehlender Bewegungsamplitude in Gelenken auftreten. Auf diese Problemstellung hin bietet Starrett im Buch eigens ermessen, dafür geeignete Lösungsansätze an.

DIE GESCHMEIDIGEN KERNSÄULEN DES LEOPARDEN

Starretts Grundansatz ist entgegen seiner eigenen Aussage jedoch nicht neu oder revolutionär sondern basiert großteils auf der Arbeit von Shirley Sahrmann und Florence Kendall vor beqreits fast 70 Jahren.
Letztendlich ist der Großteil von dem was sich in diesem Bereich im mechanischen Aspekt abspielt, ein Nachzügler dieser beiden Damen.

Shirley Sahrmann war damals revolutionär im Bereich der Bewegungsdysfunktionen.

Hier ein Video von Dr. Sahrmann um sich ein schnelles Bild über ihre Arbeit und ihren “Movement System” Ansatz zu machen. https://youtu.be/Z8k1a_kwUXY

Die zweite rüstige Dame, die Starrett den Leopard lehrt ist Florence Kendall. Sie ist bekannt für ihre Konzepte über Korrelation von Haltung und Schmerz und verschiedener Testingmethoden.
Mehr dazu hier: http://www.lww.com/Product/9780781747806

Dies hat alles bis zu einem gewissen Standpunkt Hand und Fuß, allerdings lässt sich allein damit keine absolute Aussage über Schmerzursachen treffen.
Es ist lediglich ein Puzzleteil. “Supple Leopard” baut sein gesamtes Konzept auf diesem Ansatz auf.

Sahrmanns und Kendalls Konzepte sind ausschließlich als biomechanische und physiologische Erklärung auf Schmerz zu verstehen. Dies ist aber bereits laut aktuellem Kenntnisstand überholt. Vielmehr sollten und müssen wir heute von einem weitaus komplexeren, biopsychosozialen Standpunkt ausgehen. Dieses Modell bezieht einige weitere Parameter mitein, die Starrett komplett ignoriert. Stattdessen schreibt er sein Buch auf dem Kenntnisstand der 50er und 60er Jahre. Es könnte also genauso gut aus eben jener Zeit stammen. Das Prinzip und die Wissensschaft von Schmerzverständnis hat sich seit dieser Zeit drastisch entwickelt und man begann bereits Mitte der 70er Jahre die Forschung dahingehend voranzutreiben.

Starrett stützt sich weiters auf die Auswirkung von Drehmoment auf Gelenke und weiterführend auf Haltung und Spannung im Körper. Weiters liegt der Fokus auf Ausrichtung der Wirbelsäule und Gelenke für eine bessere Haltung oder der “One-Joint Rule” etc.

Zudem wird großes Augenmerk auf die Stabilisation der Körpermitte gelegt. Alles im Zuge einer weiterführenden Verbesserung der Haltung und Bewegungsoptimierung.

Wieviel Relevanz hat das aber unterm Strich nun mit Schmerzbekämpfung?

Nun, all dies bringt gute Ideen mit, aber auch Probleme je nachdem was man davon ableiten möchte. Später mehr dazu.

Eigentlich ist Kelly mit seinen Ansätzen gar keine Ausnahme, denn fast alle gängigen Behandlungsmodalitäten um chronische Schmerzen herzuleiten, basieren auf dem vereinfachten “Struktur-Pathologie-Modell”.

Die saubere Studienlage über Haltung kann auf bis zu 30 Jahre zurückverfolgt werden und wir haben noch keine guten Belege dass Haltung direkt mit Schmerzentstehung verbunden ist.

“ONE-JOINT RULE”

Diese “Gelenksregel” besagt laut Starrett, dass die Wirbelsäule steif und fixiert bleiben soll, während Bewegungen aus der Schulter und Hüfte generiert werden sollten. Das bezieht sich vorallem bei Übungen unter Last wie zB. Kniebeugen. Desweiteren empfiehlt er “Cues” wie “breaking the bar” beim Bankdrücken oder Drehmoment kreieren und die Füße im Boden zu verschrauben um den “mobilen” Gelenken Stabilität zu liefern.

Abgesehen davon dass jedes Gelenk mobil UND stabil sein sollte (lediglich in unterschiedlichen Prioritäten aber dennoch sind beide Funktionen möglich und nötig), dies nichts neues ist was er unter neuen Begriffen anbietet und Menschen ganz unterschiedliche Ansteuerungsmechanismen- und Strategien benötigen um sich gelenksübergreifen stabil zu fühlen, ist an dieser Empfehlung erstmal nichts verkehrt.

A MATTER OF POSTURE? 

Die Korrelation “Falsche Haltung und Bewegungsmuster sind für Schmerz verantworlich” ist allerdings so ohne weiteres nicht zutreffend.

“Becoming a Supple Leopard” ist ein gutes Buch um einen geschichtsträchtigen Ausflug in vergangene Tage zu veranschaulichen und zu erleben, wie Menschen im 20. Jahrhundert über Entstehung von Schmerz dachten.


SCHMERZEMPFINDEN

Modernes biopsychosoziales Modell

Modernes biopsychosoziales Modell

Damals war die biomechanische Schmerzlogik noch folgende:

  • Dein Zeh fängt Feuer
  • Die information schießt von unten nach oben herauf durch deinen Körper ins Gehirn und meldet Schmerz
  • Du nimmst Schmerz wahr

Heutiges biopsychosoziales Modell dank fortschreitender Erkenntnisse:

  • Dein Zeh fängt wieder Feuer (am besten diesmal der andere)
  • Dein Zeh erkennt (falls funktionstüchtig) einen potenziell schädlichen Stimulus und schickt ihn nach oben ans Gehirn weiter
  • Dort werden erstmal vorherige Erfahrungen mit demselben Stimulus abgerufen um es mal grob zu kategorisieren
  • Blitzschnell wird ein “Attention-Expectation” Modell kreiert
  • Die Angstzentrale wird aktiv
  • Neurochemische und strukturelle Veränderungen machen sich bemerkbar
  • Genetik und dementsprechendes Schmerzempfinden/Toleranzschwelle steuert die
  • Resonanz die nach diesem Informationsverarbeitungsprozess wieder zurück zum Absender gelangt
  • Über periphere Sensibilisierungsleitungen wird die verabeitete Information letztendlich wieder zurückgesendet

SITZEN UND STEHEN NACH STARRETT

Auch hierfür biet das Buch einen “Blueprint”. Starrett schildert zusammengefasst:

  • Fußstellung und Rücken gerade, Bauch eingezogen, Kopf neutral, Schultern extern rotiert
  •  Stehen ist eine Fähigket die trainiert werden muss um permanente stramme Haltung zu implementieren
  • Aufrechtes, ebenfalls strammes Sitzen löst Schmerzen und Probleme

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All diese Vorgaben sind gewiss nicht verkehrt, jedoch weit entfernt von einer effektiven Schmerzbekämpfung. Wie eingangs erwähnt, liegt dieser Ansatz lange Zeit zurück.

Damals, als man alles noch allein biomechanischen Vorgaben zuschrieb und prinzipiell dachte, Schmerz sei Gelenkenstellungen, schlechter Haltung und Bewegungen zu verdanken.

Wir sollten heute allerdings stark umdenken und moderner nach Schmerzursachen suchen.

Schmerz hat unterm Strich sehr wenig mit “falschen” Bewegungen oder mit Körperhaltung zu tun. Dies mag für viele anfangs paradox klingen, da man von allen Seiten mit diesem Ansatz konfrontiert wurde und es auch lange Zeit als “Common Sense” galt.

Besonders zwei Koryphäen der Trainings- und Physiobranche, nämlich Gray Cook (Erfinder des FMS Screenings) und Michael Boyle (bekannter US-Athletiktrainer), haben die berühmt-berüchtigte “Joint By Joint” Idee saloonfähig gemacht und als Standardmodell herangezüchtet samt etlicher weiterfolgender Maßnahmen und Produkteinführungen (FMS etc.)

Die Kurzfassung davon: Jedes Gelenk hat bestimmte vorgegebene Funktionen. Wenn eine Gelenkslimitierung oder “Dysfunktion” der Fall ist, übernimmt das nächstgelegene Gelenk kompensierend dessen Funktionen und eine Verletzung oder Schmerz ist womöglich das Resultat. Anhand dieser gilt es nun, Bewegungsmuster und Funktionen soweit wieder einzustellen, dass Schmerzen reduziert oder komplett beseitigt werden.

Wenn das uneingeschränkt der Fall wäre, wie erklärt man sich dann unzählige Menschen und Athleten die trotz “schlechter Haltung, suboptimaler Bewegungsmuster beim Springen, Laufen und sportspezifischem Agieren sowie vielen degenerativen Erkrankungen am Bewegungsapparrat trotzdem schmerzfrei leben?

Noch deutlicher, wie schafft es ein Sportler mit amputierten Gliedmaßen, sich schmerzfrei zu bewegen?

Viele Behandlungsmodelle verlagern sich anhand dieses wie beschrieben, rein biomechanischen Modells auf die biomechanische Arbeit um Dysfunktionen aufzuarbeiten. Mit geringem langfristigen Erfolg. Der Schmerz geht manchmal kurzzeitig weg, die Dysfunktion bleibt aber und verursacht neuen. Das Modell greift nicht und ist überholt.

VIELSCHICHTIGE STRESSREAKTIONEN 

Schmerzen sind ein Teilbereich komplexer Stressreaktionen welche bei riskanten körperlichen Veränderungen des Körpers einsetzen und mit der Freisetzung Adrenalin und Aktivierung großer Muskelgruppen in Verbindung steen. Das sind ansich recht intelligent “programmierte” Schutzmechanismen.

Wir machen uns dadurch nämlich bereit, auf drohende Gefahrensituationen zu reagieren. Dass diese Gefahren nicht immer real sind und wir evtl. desensibilisiert sind, ist natürlich ein anderes Thema aber unser Körper reagiert dennoch in dieser “Vorbereitungsphase” nach dem selben Kernprinzip.

Wir deaktivieren in diesen Warnphasen zB. auch kleine posturale und stabilisierende Muskeln die kurzzeitig nicht gebraucht werden, ändern oft auch Gang oder Körperhaltung. Die Verdauungseffizienz bzw. ihre Geschwindigkeit drosselt, der Körper produziert Schwellung und Entzündugen um alles störende zu übertünchen und dich bereit zu machen, alle Kräfte schnell zu mobilisieren die notwendig sind.

Dein Körper will dich letztendlich nur schützen und jedes dieser Prozesse ist darauf abgestimmt. Dabei fragt der Körper aber leider nicht ob wirklich Gefahr besteht sondern geht nur so vor wie er evolutionär eben programmiert wurde. Ihm ist dabei egal ob diese eingehenden Warnsignale auch wirklich echt sind oder nur durch falsche Reize und Situationen gesetzt wurden. Er zieht einfach sein Ding durch.

Das ist kurzzeitig meist kein schwerwiegendes Problem. Erst wenn es chronisch wird, besteht ein großes Problem. Dann nämlich bleiben diese verschachtelten Schutzreaktionen erhalten und machen sich bemerkbar durch anatalgische oder auch schmerzausweichende Haltungen, da wie beschrieben stützende Haltungsmuskulatur nicht ausreichend aktiv ist.

Dies vermischt sich mit chronischen Entzündungen und resultiert in allen möglichen Problemen die Starrett im Buch adressiert und das sehr simplistisch versucht, aufzuarbeiten.

MACHEN “CORRECTIVE EXERCISES” ÜBERHAUPT SINN?

Korrekturen an der Haltung werden dadurch nicht vollständig egalisiert, vielmehr jedoch gilt es zu wissen wofür es gut ist und was man an Haltungskorrektur überhaupt beeinflussen kann. Wir nutzen “Corrective Exercises” und Haltungsanalysen sehr differenziert und finden dafür durchaus Anwendungsbereiche und Berechtigung in Optik und Bewegungsfunktionen, jedoch sollte man daran nicht zuviele Ansprüche stellen sowie es Starrett macht, vorallen eben auf keinen Fall in puncto Schmerz.

Haltungsanalysen sollten grundsätzlich nicht generalisiert und zu simpel dargestellt werden um es massentauglich zu lehren und verkaufen, sowie zB. das FMS Modell von Cook.

“Versuche Dinge immer simpel und duplizierbar zu unterrichten, mache aber nicht den Fehler, die Materie selbst simpler zu sehen als sie eventuell ist.”

– Marko Rados

MULTIFAKTORIELLER ANSATZ

Wir haben es bei Schmerz und Starretts Stellungnahmen mit einer sehr speziellen Problematik zu tun. Speziell deshalb, weil Starrett ansich auf den ersten Blick keine gefährdenden Aussagen tätigt, im Gegenteil. Wir alle tragen irgendwo die “logische” Schlussfolgerung, dass wie oben beschriebene optimierte Sitzhaltung für einen 8 Stunden Büroarbeiter sinnvoll ist.

Wenn wir abwägen, dann stimmen wir dem wohl fast alle zu.

Das Problem hierbei ist, dass er diese Maßnahme aber als Schmerzbekämpfung beschreibt. Ansich wäre es ja nicht tragisch, wenn wir es einfach probieren. Falls es nicht hilft, dann haben wir auch nichts verloren. Wäre da nur nicht dieser komplexe psychosoziale Aspekt der selbst dies über den Haufen wirft.

SIND SCHWACHE MUSKELN DAS PROBLEM BEI SCHMERZENTSTEHUNG? 

Stärker werden in bestimmten Bereichen ist ebenfalls kein Garant für positiven Einfluss auf Schmerz. Auch hier muss Starrett widersprochen werden.

Natürlich ist aber Stärkerwerden und gezieltes Widerstandstraining nicht verkehrt, jedoch aufgrund indirekter Gründe. So sind nämlich viele unspezifische “Nebeneffekte” einer Kräftigungsübung von immensem Vorteil.

Die Bestätigung, dass Bewegung sicher und gut für den Patienten ist sowie dieser davon auch überzeugt wird, wirkt wie ein starker “Mindboost” um biopsychosozial einen positiven Einfluss auszuüben. Das ist meistens schon die erste Hürde. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten steigt und überbrückt erste Blockaden. Man vertraut plötzlich auf eigene Bewegungsfunktionen von denen man zuvor geglaubt habe, sie seien schädlich oder unmöglich duchführbar. Der Selbstglaube steigt und ist nicht überheblich abdriftend, ein sehr wichtiger Faktor in der Schmerzbekämpfung und reduziert ein Falschwarnsignal möglicher Bedrohungen.

So “programmierst” du dein Bewusstsein neu und optimierst deine Selbstwahrnehmung und Haltung zu Schmerz. Deshalb ist es wichtig, das Bewusstsein in diese Richtung zu lenken anstatt hauptsächlich auf Gewebepathologie und deren “Dysfunktionen. Das ist moderne RAW-Therapie.

DU BEKOMMST WAS DU DENKST

Durch Starretts Fehlinterpretation von effektivem “Pain-Managment” dirigiert er die Vorstellung und den Glauben der Menschen über Schmerz auf “falsche” Haltung, Gelenke und Bewegungen.

Das fatale dabei: Je mehr man über biomechanische Ursachen spricht und die Aufmerksamkeit darauf lenkt, desto mehr schafft man “Awareness” in die falsche Richtung und fördert dahingehend chronische Schmerzentwicklung.

Dieser Tatsache müssen wir uns zum Gebrauch machen, die Vorstellung des Klienten bzw. des Patienten über Schmerz grundlegend ändern und eine gute Strategie parat haben, mit der wir Menschen aus neuropsychologischer und neurobiologischer Sicht beibringen, wie sie am besten Schmerz betrachten und damit umgehen sollten (1).

Dass in einem Buch welches die Problem für Schmerzen anbieten möchte, kein einziger Hinweis in diese Richtung gegeben wird, ist aus unserer Sicht sehr problematisch.


MODERN PAIN-SCIENCE

I wonder how biology can explain the physical pain you feel in your chest when all you want to do is be with someone.”

– Dan Howell

Zwar können wir selbst diesen Schmerzzustand bereits einigermaßen biopsychosozial erklären, jedoch verdeutlicht dieses Zitat die Vielfalt und Komplexität von Schmerz. Dieser durchdringt alle unsere Sinneseben und ist mit allem und überall verknüpft.

Wir können außerdem festhalten dass Schmerz definitiv ein Output des Gehirns ist um physiologische Prozesse zu verarbeiten und zu beeinflussen. Dabei gibt es verschiedene Arten von Schmerzen, die Starrett ebenfalls nicht anspricht und differenziert.

GEWEBE

Gewebe und deren strukturelle Verfassung ist kein echter Indikator für die Suche nach dem Ursprung von Schmerz. Vielmehr spielen zentrale Sensibilisierunf und lokale biochemische Irritationen eine Rolle. Auch in Anbetracht der Gewebestruktur kann man letztendlich kein genaues Vorhersagemodell festlegen sondern hängt in wagen Tndenzen zwischen der Gewichtung von verschiedenen Mechanismen die mitverantwortlich sind.

PATHOLOGISCH 

Hier kann Phantomschmerz eine große Rolle einnehmen, der chronisch bedingt zustande kommt wobei das Gehirn versucht, mögliche fehlende Körperteile mit nozizeptiven Signalen zu rekonstruieren (2) (3).

Die dadurch zustandekommende “Nichtübereinstimmung” einer Motorikintention, also eines gedanklich angesteuerten Bewegungsmusters und damit einhergehender Disorganisation kortikaler Prozesse und Propriozeption, kann eine starke Rolle bei Schmerzempfindung spielen (4). Genauso wie Sensomotorik (5).

Dies konnte im Rahmen einer “Selbstwahrnehmungsstudie” auch visuell festgehalten werden (6).

Ab einem bestimmten Punkt braucht unser Körper keine nozizeptiven Signale mehr, um Schmerz abzurufen. Die Dreiecksbeziehung von propriozeptiven Informationen, die eigene individuelle Schmerzreaktion sowie Erfahrungen spielen obendrauf noch eine Rolle (7) (8).

SEMANTISCH

Semantik ist stark kognitiver Natur. Die Interpretation einer Situation und die entsprechende Erwartungshaltung ist ein wichtiger Punkt. Je nach dem wie Menschen betreut werden, können Missverständnisse aufgrund Kommunikation wie zB. falsch ausgedrückter Intention sowie emotionaler Rückmeldungen und Botschaften Den Schmerzpegel erhöhen.

PHYSISCHE VERÄNDERUNGEN 

Veränderungen der Faktoren, die an der Entstehung von Schmerzen beteiligt sind, müssen auch nicht zwangsläufig im Gehirn entstehen. Subkortikale Prozesse können ihre Rolle auch in der tatsächlichen physikalischen Veränderungen spielen, die im peripheren Nervensystem (PNS) innerhalb des Gewebes auftreten.

Die Tatsache dass Starrett in seinem Buch nichts mit moderner Schmerzwissenschaft zu tun hat, heißt nicht dass Ansätze seiner Modelle nicht zufällig relevant sind. Sie sind es nur eben nicht alleinstehend oder schlußfolgernd, aber auch hierbei müssen wir das Pendel objektiv schwingen anstatt schwarz-weiß zu denken. Letztendlich geht dieser Bereich schier ins Endlose komplexer.

Diese Änderungen an dem PNS umfassen erstmal eine Erhöhung der Anzahl von Ionenkanälen in den terminalen Endungen von Nozizeptoren, was es einfacher macht, Natriumionen in die Zelle zu bringen, sie zu depolarisieren und daraufhin ein entsprechendes Signal (Aktionspotential) an das ZNS zu senden. Auch eine Erhöhung der Anzahl der Rezeptoren und vorher stillen Rezeptoren, die aktiv werden, kann man gut beobachten.

Die Signalverarbeitung am dorsalen Horn kann auch mit mehr NMDA / AMPA-Kanälen gedreht werden, was die Übertragung der peripheren Signale und eine Erhöhung der exzitatorischen Neurotransmitter wie Aspartat und Glutamat, hemmende Chemikalien wie GABA und auch endogene Opioide begünstigt.

Man kann weiters eine langfristige Potenzierung von spinalen Neuronen als Antwort auf repetitive Stimulation oder eine anhaltende Direktaktivierung von Signalen der C-Fasern erhalten.

Ausführlicher über Schmerz kann man in der RAW Review darüber nachlesen. Painscience.com ist dahingehend zB. ebenfalls eine sehr intelligente und seriöse Plattform und sehr zu empfehlen.

Dies hier dient erstmal nicht der Verwirrung sondern als grobe Darstellung, wie komplex und selbst in den einzelnen Faktoren stark verschachelt die Prozesse von Schmerzentstehung sind und wie muktifaktoriell Menschen darauf anspringen können.


DER NÜTZLICHE LEOPARD

Es gibt sie auch, die postiven Inhalte, welche besonders hier gut zur Geltung kommen und hilfesuchenden Athleten dieser Welt Lösungswege bieten.

Es mag überraschen oder sogar erschrecken dass wir Starretts Technikempfehlungen (theoretisch) unter “nützlich” einordnen. Bevor du uns nun direkt deabonnierst, bitte weiterlesen und richtig verstehen.

In Sachen Technik und Bewegungsmustern zeigt er, wie verschiedene Krafttrainingsübungen durchgeführt werden und wie man es “richtig” auf der Grundlage seiner Regeln tut.

Ist die Ausführung falsch, so ist es entweder ein Problem in der Flexibilität oder der Motoransteuerung, oder sogar von beidem. Starrett legt altbekanntes Wissen strukturiert übersichtlich, bild,ich und leicht verständlich aus. Das ist neutral betrachtet erstmal ein absoluter Pluspunkt.

Nun zu seinen Technikempfehlungen. Hier kurz erklärt warum diese hier eingeordnet sind. Letztendlich ist die optimale Technik ein Streitpunkt der Sportwissenschaft bzw. Biomechanik, wo ein Interpretationsspielraum vorhanden ist. Wir sollten Dinge also erst komplett busten, wenn eindeutige Evidenz vorliegt oder zumindest starke Tendenz.

Das ist hierbei nicht gegeben also bleiben wir konsequent und werten seinen Ansatz danach, wie er ihn transportiert und lehrt. Wahrscheinlich für einige immernoch unverständlich, aber bitte zuende lesen.

Kelly empfiehlt, dass die Füße bei einer Kniebeuge neutral sein sollten (Bild 1).

Sind die Füße nach außen gerichtet, so kollabiert laut ihm die Wirbelsäulenspannung (Closed-Chain) oder die Knie können nach innen einbrechen (Valgus) und somit zu Performanceeinbußen und Verletzungen führen. Die Mehrheit der Athleten aus unseren Protokollen drehen die Füße nach außen, wenn sie beugen.

Das sagt aber noch nichts über grundlegende Schlüsse oder die Schädlichkeit dieser Tätigkeit aus. Es wird nämlich erst so richtig schädlich, wenn durch diese Fußstellung die Knie über den kritischen Punkt des Fußgelenkes nach außen drücken.

Genauer gesagt sollten die Lateralsichtpunkte des Knies nicht den Außenknöchel überkreuzen (Bild 2). Unsere Herangehensweise und das Miteinbeziehen von Evidenz ( Bild 3 und 4, Taegers “Evidence Continuum” und “Evidence-Based Approach” aus dem RAW Modul “Science 101”) zieht es somit vor, diese Technik nicht pauschal als negativ abzuwerten sondern sie objektiv als eine neutrale Empfehlung, die gut erklärt und vermittelt wurde, stehen zu lassen.

Die meisten werden allerdings mit ihr unter Anbetracht unserer dafür vorgesehenen Voraussetzungen dennoch nichts anfangen können, weil sie physiologisch für diese Technik nicht geeignet sind.

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Zusammenfassend haben wir in dieser Agenda nur theoretische Biomechanikmodelle, jedoch keine klare Evidenz um festzuhalten welche Technik und Stellung tendenziell am besten wäre. Somit bleibt dieses Thema erstmal neutral liegen. Mobilitytechniken gibt es bereits seit Jahren und Jehrzehnten. Die Daten zeigen, dass diese sich nicht besser bei chronischen Schmerz funktioniert als andere Methoden.


SUMMARY 

Das Buch sollte fern bleiben von Diagnose und Behandlung von Schmerzen. Dafür eignet es sich gut um mit Mobility zu versuchen, damit abzudeckende Probleme aufzuarbeiten. Das Bewusstsein von Schmerz sollte jedoch nicht auf falsche Bereiche gelenkt werden, da dies das Problem verschlimmern bzw. nur aufschieben kann.

RAW DATA

1: ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22133255

2: ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11460799

3: onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wcs.1201/abstract?userIsAuthenticated=false&deniedAccessCustomisedMessage=

4: ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10543687

5. ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22525161

6. ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19036329

7. tandfonline.com/doi/abs/10.1179/174328808X251948

8. ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25599298

9. bmcmusculoskeletdisord.biomedcentral.com/articles/10.1186/1471-2474-10-123

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1 Antwort
  1. Tobias says:

    Hallo,

    zuerst einmal: Super Artikel! Ich habe das Buch von Kelly und seine Übungen waren einige Zeit mein tägliches Mobility-Training. Alleine aus diesem Grund war eure Review für mich sehr aufschlussreich. Ihr seht das Buch und sein Konzept ja durchaus kritisch und ich bin immer noch auf der Suche nach einem wirklich effektiven Mobility Training, um meine Beweglichkeit zu verbessern (ich sitze die meiste Zeit des Tages im Büro).

    Habt ihr da Anregungen/Quellen? Idealerweise so, dass man “nur” eine Isomatte benötigt?

    Vielen Dank und viele Grüße,
    Tobias

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