Besonders Blogs, “Click-Bait” Seiten und Formate fernab wissenschaftlichen Verständnisses betrachten eine Studie so als würde sie irgendetwas endgültig beweisen. Durch dieses unangemessene Verhalten bietet man Wissenschaftsgegnern weiteren Nährboden für Missinterpretation und deplatzierte Skepsis. Eine Studie allein betrachtet ist nie das letzte Wort in einem bestimmten Bereich, welchen man akribisch voranbringen möchte.

Sei immer skeptisch, jedoch weniger bei Wahrheitssuchenden und mehr bei jenen, die behaupten die Wahrheit bereits zu kennen.

Folgender Satz mag für manche nun überraschend klingen aber wenn du eine Studie liest mit der einzigen Intention und Hoffnung, danach die endgültige Wahrheit zu kennen, dann kannst du zur jetzigen Zeit definitiv komplett mit Studienlesen aufhören.

Eine Studie beweist überhaupt nichts sondern legt unterschiedlich starke Tendenzen zu einem bestimmten Verhalt und im entsprechende Kontext zu den darin untersuchten Probanden. Das ist mehr wert als unkontrollierte Eigenerfahrung ao wild Parameter umhergeschmissen und Kausalitätenfantasie Standard ist. Dennoch ist die Wissenschaft kein endgültiges Siegel. Sie ist lange nicht perfekt, sie ist nur besser.

Jede Studie hat Fehler und Einschränkungen, deshalb ist es auch so wichtig dass sämtliche Studien ausgearbeit und verglichen werden. Generalisierung und Isolierung ist ganz selten möglich. Studien sind vielmehr Puzzleteile die in Kombination vieler weiterer Untersuchungen mit anderen Schwerpunkten erst valide werden und mehr aussagen. Eine Studie kann immer fehlerhaft sein und arbeitet meist mit Mittelwerten, das heißt Ergebnisse gelten nicht direkt für jeden Menschen bei jeder Vorraussetzung.

CRAP IN – CRAP OUT

Am interessantesten sind deshalb Meta-Analysen, die aus mehreren Studien bestehen, welche mit sehr hochwertigem Aufbau und Methodik durchgeführt worden sind (zB. RCTs). Trotzdem sind auch Meta-Analysen nicht vollkommen und hängen logischerweise von der Gesamtqualität der einzelnen Studien ab. Werden Studien mit schlechter Qualität herangezogen, fällt dementsprechend die Konklusion ebenfalls recht unbedeutsam aus. Dagegen hilft kein Herumschieben und Rechnen. Wird gutes Material verbaut, kann man mit Qualität rechnen und umgekehrt.
Deshalb muss auch bei Meta-Analysen genau differenziert werden.

Der grundlegende methodische Aufbau eines RCTs (randomized controlled trial)

Der grundlegende methodische Aufbau eines RCTs (randomized controlled trial)

DIE GEGENSEITE

Ja die gibt es auch, sie ist sehr störend und teilweise auch nervtötend. Sie ist aber letztendlich auch nur uninformiert und fühlt sich durch ihren Dunning-Kruger Effekt in dem bestätigt, wovon sie überzeugt ist. Das ändert jedoch nichts dran, dass sie eine limitierende Herangehensweise pflegt und man kühlen Kopf und Feingefühl benötigt, um diese Menschen ans 21. Jahrhundert des Denkens heranzuführen.

“Teach with passion and patience.”

Es gibt viele Personen, die eine Studie aufgrund eines Aspektes der ihnen persönlich nicht gefällt, vollständig diskreditieren. Das undifferenzierte, komplette Nichtbeachten dieser Studie wäre somit Verschwendung von möglichen sofortigen oder in Kombination mit anderen Studien, zukünftigen Erkenntnissen.

Jede Studie kann nämlich zumindest ein kleines Puzzleteil darstellen und manchmal auch fernab des eigentlich untersuchten Gegenstandes oder Verhalts im großen ganzen Konstrukt der Evidenzsuche einen Hinweis liefern.
Eben das macht Forschung so unglaublich interessant. Du dachtest spannende, nie endenwollende Rollen- oder Aufbauspiele wie “Sim City” oder blendend geniale Serien wie “Game of Thrones” wären gnadenlose Süchtigmacher?
“Well, then you ain’t know anything about the evidence-based science journey”.

Man kann sehr leicht demonstrativ mit dem Zahnpfahl auf die unbeeindruckende Probandenzahl oder Dauer einer Studie deuten ohne vorher differenzierend Power-Kalkulationen und andere Messrichtlinien der Validitätsermittlung zu berücksichtigen.

Ein “Dunning-Kruger” Effekt ist also möglicherweise nicht nur bei den Menschen anzutreffen, die absolut nichts mit wissenschaftlichen Daten am Hut haben, sondern auch bei denjenigen, die gerne nur mal das Abstract einer Studie überfliegen und sich bereits allein darauf viel Meinung bilden ohne weiter zu hinterfragen und die eigentliche Arbeit zu erledigen.

MÜDE?

Jetzt stehen wir an einem Wegzweig. Entweder bist du der neugierige Typ, der total darin aufgeht, weiter nach der rationalen Wahrheit zu “forschen”, oder aber das Thema macht dich total fertig.
Wenn du jetzt bereits total entnervt das Handtuch wirfst und überhaupt keine Lust mehr auf Wissenschaft hast, dann ist das auch völlig in Ordnung und häufig der Fall.
Eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Erkenntnis kannst du aus diesem Kapitel nun dennoch oder gerade deshalb bereits hier ziehen; das Thema ist in der Tiefe furchtbar komplex und genau deshalb herrscht in der öffentlichen Wahrnehmung über Gesundheit, Ernährung, Leistung und anderen Topics ein heilloses Durcheinander welches es zu schlichten gilt.

Allgemein sollte vermieden werden, sich an den jeweiligen Extremen zu bewegen und weder am falschen Platz komplett unkritisch zu sein, genauso jedoch auch nicht zu überempfindlich zu reagieren wenn es um das Sammeln von Puzzleteilen geht.

PRAKTISCHE ANWENDBARKEIT

Du merkst, es ist gar nicht so leicht, diesen Bereich überhaupt erstmal theoretisch aufzufassen, geschweige denn praktisch zu implementieren. Wäre es aber leicht, dann hätten wir nur Toptrainer wohin das Auge sieht.
Die Fitness- und Gesundheitstrainerbranche unterliegt keiner einheitlich standardisierten Reglementierung und gleicht eher einem wilden Westen. Es tummeln sich Personen in diesem Sektor mit Kompetenzunterschieden und Wissenständen, die größer gar nicht sein könnten. Sport- und Ernährungswissenschaft wird ansatzweise nur von einem Bruchteil verstanden und um noch weiter zu gehen: Forschung sowie evidenzbasiertes Arbeiten wenden nur eine handvoll Menschen deutschsprachig an.

Was in der medizinischen Forschung Gang und Gäbe ist um überhaupt arbeiten zu dürfen, wird im Sportsektor sogar kritisiert.
Gurus lassen Sätze fallen wie: ” Der Mensch weiß überhaupt nichts und muss alles selbst herausfinden”, “Man muss immer ganzheitlich denken” und “Wissenschaft sagt nichts aus”. Es wird langsam Zeit über diesen Punkt hinweg zu kommen und ein klares Verständnis aufzuarbeiten.

Wissenschaft kann in so vielen Bereichen weiterhelfen. Du als Athlet oder Trainer musst dir strikt die Frage stellen “Wie stark möchte ich mich aus dem wilden Westen abgrenzen und kompetenter sein als die Masse”? Du kannst evidenzbasiert arbeiten, ein präziseres und kontrollierteres Produkt anbieten, oder es wie andere machen die sich Zeit und Mühe sparen wollen und Wissenschaft einfach kleinreden weil sie es nicht verstehen und anwenden möchten. Diese Personen haben Glück dass sie in der Trainerbranche arbeiten wo dies noch zulässig ist. Woanders wären sie mit dieser Herangehensweise ihren Job los.

Derjenige der damit nichts anfangen kann oder es nicht versteht, ist jedoch auch nicht der Schuldige. Es ist vielmehr die Pflicht derer die sich damit intensiver beschäftigen, Weiterentwicklungsmöglichkeiten zu sorgen.

Don’t set up rules, set up standards. LEAD the industry.

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